Mittwoch, 29. Juni 2016

Die Reduktion als falscher Ansatz

Lange war es nun ruhig auf meinem Blog – es war einfach so sehr viel zu tun, dass ich das Blogschreiben ein wenig hinten anstellen musste. Und dann war da die Frage, wie oder womit „komme ich zurück“. Ein Thema als Wiedereinstieg zu finden, ist ja gar nicht so einfach. Gut, es gibt genügend Themen, aber nach so langer Zeit soll es schon was Interessantes, Wichtiges sein. Und dieses wichtige Thema habe ich gestern im 133. #EDchatDE erlebt. Gestern ging es um Tabletklassen. Der Versuch der Digitalisierung der Bildung oder der Reduzierung von Bildungsmöglichkeiten? Und es sind gar nicht die Tabletklassen, die ich hier aufgreifen will, sondern der Begriff der Digitalisierung und die Idee der „Reduzierung von Bildungsmöglichkeiten.

Quelle: Pixabay (CC0)

Der Begriff Digitalisierung wurde lange und breit diskutiert und ich möchte einen Tweet von André Spang (@tastenspieler) herausgreifen, der die Begriffsdebatte auf den Punkt bringt:
Wenn ich von Digitalisierung der Bildung spreche, dann reduziere ich den Bildungsbegriff auf digitale Medien. Digitale Medien gibt es, digitale Methoden gibt es nicht. Und wir sind hier schon wieder beim alten und – wie es aussieht – noch immer aktuellen – irgendwie auch schon leidigen Thema, dass nämlich die Medien nicht im Vordergrund stehen sollen.
Inspiriert wurde dieser Tweet durch Urs Henning (@urshenning) und folgendem Tweet:
In die gleiche Kerbe schlägt auch Nina Toller (@ninatoller) und spricht mir damit aus der Seele:
Es sind die Lernziele, die an erster Stelle stehen. Um sie zu erreichen, bediene ich mich spezifischer Methoden und, um diese umzusetzen, kommen Medien zum Einsatz. Das kann die Lehrperson ebenso sein, wie das Schulbuch, oder das Tablet, eine App oder ein installiertes Programm. Die Bildung zu digitalisieren, meint, digitale Medien im Unterricht, zum Lernen und Lehren einzusetzen. Und dabei, so kommt es mir vor, wird oftmals nur die Seite des Lehrens bedacht. Es sollte aber das Lernen im Vordergrund stehen. André Spang bringt es in einem kurzen Tweet auf den Punkt:
Ich muss nicken. Digitale Medien, das Web 2.0, machen aus den Lernerinnen und Lernern aktiv Handelnde und Produzierende. Und genau so soll es auch sein. Wir lernen am besten, wenn wir etwas tun, wenn wir eine Erfahrung machen, wenn wir eine Situation aktiv erleben und nicht nur passiv konsumieren. Das Berieseln-Lassen, das Edutainment hat zwar sicherlich auch seinen Platz, sollte aber nicht der primäre Fokus sein. Wir sollten in unseren Unterricht eine Vielfalt und Abwechslung bringen, die weder unter- noch überfordert. Wir sollten unsere Lerner/innen zur aktiven Arbeit anregen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Gerade im Sprachunterricht sehe ich oft, dass Schüler/innen Angst davor haben, aktiv etwas zu produzieren. Sie haben Angst vor den Fehlern und den folgenden Sanktionen. Das ist ja aber nicht der richtige Weg, werden Sie jetzt denken. Und Sie haben damit absolut recht. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen. Fehler sind etwas Gutes. Sie zeigen Entwicklungsstufen an, zeigen auch den Fortschritt und sollten als Indikatoren für den Lernprozess gesehen werden.

Quelle: Pixabay (CC0)

Und ich sehe immer mehr, wie Kolleginnen und Kollegen, die für den vernünftigen Einsatz digitaler Medien im Unterricht einsetzen, ermüden, wie sie scheinbar gegen Windmühlen kämpfen. Philippe Wampfler (@phwampfler) hat seinen Gedanken in Die digitale Frustration freien Lauf gelassen. (Umso schöner und berührender die Reaktion von @Lernbegleiterin.) Ebenso Bob Blume (@legereaude), der auf seinem Blog eine Pause von Social angekündigt hat. Sie wirken müde, ausgelaugt, vom Kampf gegen Windmühlen, gegen die Besserwisser, die vom Mehrwert der digitalen Medien sprechen (danke @Lernbegleiterin für die Zusammenschau und Axel Krommer, aka @Mediendidaktik_ für den ansprechenden Text zum Thema) oder diese aber ablehnen (ich möchte ihnen noch mal den Text Argumente gegen das Digitale in der Schulen von Beat Döbeli Honegger, @beatdoebeli, ans Herz legen).

Das ist schade, denn es kommt mir so vor, als würde auch hier eine Reduktion stattfinden. Der Mensch wird auf eine Funktion, auf eine Rolle reduziert, nimmt „Rolle des digital Radikalen ein“, wie Philippe Wampfler schreibt, zwingt Menschen wie Bob Blume dazu, Sätze zu schreiben, wie „Dies ist keine Abrechnung oder Aufruf, kein politisches Statement oder gar eine Positionierung gegen Social Media oder die Netzgemeinschaft.“ Wo sind wir eigentlich? Wieso reduzieren wir Menschen auf ihre Funktion, auf ihre Rolle, auf ihr Aussehen, auf ihre Herkunft, auf was auch immer? Der Mensch ist ein vielschichtiges Wesen, er nimmt verschiedene Rollen ein, übt verschiedene Funktionen aus, denkt je nach Rolle/ Funktion vielleicht anders und ist gespalten. Erinnern wir uns an Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen (Kapitel 7, Sechster Brief):
Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.
Lasst uns aufhören, den Menschen und die Bildung einseitig zu denken. DEN Menschen gibt es nicht, ebenso wenig wie DIE Bildung. So wie es die Digitalisierung nicht gibt, so gibt es auch keinen Digital Native (oder Digital Immigrant), wie Prenksy ihn 2001 beschrieben hat. Auch hier wird der Mensch, der Jugendliche, auf einen Teilaspekt seiner Persönlichkeit oder vielmehr seines Umfelds reduziert. Der Mythos, oder Trugschluss, Jugendliche von heute verfügten automatisch über eine gewisse digital literacy, halten sich zäh. Und es wird Zeit sich von ihnen zu lösen.

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