Donnerstag, 30. Juli 2015

Nachlese zum 89. #EDchatDE: Lehrer oder Lernbegleiter: Kontrollverlust als Programm

Der Titel des letzten #EDchatDE, der von Sabine Strauss (@sallythechin) und Bob Blume (@legereaude) moderiert wurde, versprach ja von vorneherein eine lebhafte Diskussion, die auch eintrat: Lehrer oder Lernbegleiter: Kontrollverlust als Programm.


Public Domain (Pixabay)

Sind wir Lehrende – ob an Hochschule oder Schule – nun Lehrer/innen oder Lernbegleiter/innen? Gibt es einen Zusammenhang von Lehrer/in und Kontrolle bzw. Lernbegleiter/in und Kontrollverlust? Wie sind die Dichotomien zu sehen? Lehrer/in vs. Lernbegleiter/in? Kontrolle vs. Kontrollverlust? Hierarchie vs. Augenhöhe? Die Diskussionen gingen in unterschiedliche Richtungen. Da wurde vom Funktionieren offener und eigenverantwortlicher Lernsettings ebenso geschrieben wie vom Scheitern und dem Scheitern als Programm. Da wurde vom Miteinander- und Voneinanderlernen geschrieben. Und die Diskussion war so vielfältig, dass ein Nachlesen absolut notwendig erschien. Und dabei wurden viele Unsicherheiten und Überzeugungen manifest.

Lehrer/in und Lernbegleiter/in schließen einander als Funktionen nicht aus! 


Vielmehr sind Lehrende manchmal Dozierende, manchmal Lernbegleiter/innen, manchmal Kummerkästen und manchmal Erzieher/innen (nicht nur in der Schule, am Studienbeginn auch noch an der Hochschule!). Die Rollen, die wir übernehmen, sind sehr unterschiedlichen. Und das eine schließt das andere nicht aus. Denken wir zurück an die Sandwichmethode, in der auf eine Phase der Instruktion eine Phase der Konstruktion folgt. Aus einem Vortrag wird eine Freiarbeitsphase, in der das Wissen gefestigt und Kompetenzen trainiert werden. Die Lerner/innen lernen eigenverantwortlich und selbstorganisiert weiter, die Rolle der Lehrenden reduziert sich auf die Begleitung.

Lernbegleitung ist kein Kontrollverlust!


Vielmehr handelt es sich um eine Verlagerung der Kontrolle bzw. ein Delegieren der Kontrolle an die Lerner/innen. Danke Peter Ringeisen (@vilsrip) für diesen Tweet! Die Lerner/innen werden dabei aber nicht ins Nichts entlassen, sondern bewegen sich innerhalb eines Raumes (ob virtuell oder real), den die Lehrenden definiert haben. Dieser Raum kann weit oder eng gesteckt sein. Zentral sind klar formulierte vorgegebene Ziele, realistische Rahmenbedingungen und auch die Präsenz der Lehrenden als Ansprechpersonen. Dabei sollte man präsent sein, ohne präsent zu sein. Die Lerner/innen sollten das Gefühl haben, sich bei Notwendigkeit an die Lehrenden wenden zu können, die mit Fach-, Methoden-, sozial-kommunikativer oder personaler Kompetenz aushelfen. [A propos Kontrollverlust: Kennt ihr den Artikel Der große Hype um den Vier-Sekunden-Kontrollverlust schon?]

Was Lehrende tun, bedarf keiner Neudefinition!


Es geht nicht darum, zu postulieren, der/die Lehrende als Lernbegleiter/in sei eine Neudefinition oder Ausweitung des Lehrendenbildes. Danke Peter Ringeisen für die Richtigstellung meines eigenen Tweets zum Thema. Vielmehr handelt es sich um die Betonung einer Facette eines Berufes, der sehr unterschiedliche Funktionen und Aufgaben meint und abdeckt. Einer Sache jedoch müssen wir uns bewusst sein:

Lehrende sind keine „allwissenden Müllhalden“!


Man verzeihe mir den Verweis auf die Fraggles, aber das Bild gefällt mir. Wir häufen zwar Wissen an, sind aber im digitalen Zeitalter eine von vielen unterschiedlichen Wissensquellen, v.a. wenn es um den Bereich des Faktenwissens geht. Wir sind und bleiben Expertinnen und Experten in unserem Fach, können aber längt nicht alles wissen und sollten die Lerner/innen aktiv darin unterstützen, unterschiedliche Quellen zu erschließen und in Hinblick auf ihre Qualität zu untersuchen. Wir sollten ihnen zeigen, wie sie lernen können (nicht solle oder müssen!), um in einer schnelllebigen Gesellschaft, in der viel Wissen produziert wird überleben oder sich zurechtfinden zu können. Es gab schon immer viel Wissen, die Angst davor war aber auch schon immer da.

Die Angst vor Medien gibt es schon immer!


Thorsten Larbig (@herrlarbig) hat heute kurz nach Mitternacht einen spannenden Tweet dazu geschrieben. Im 18. und 19. Jahrhundert war man überzeugt davon, dass das Lesen ein Problem für die Augen darstelle, dass es schlecht sei, weil man sitzend lese und das Lesen im Gehen aufgegeben habe. Auch habe man das laute Lesen aufgeben, lese nur mehr mit dem Auge. Durch dieses vermehrte und extensive Lesen vieler Werke (v.a. Romane) wurde die intensive Lektüre einzelner Werke (v.a. der Bibel) vernachlässigt (Stichwort: Lesesucht). Gleichzeitig lief man Gefahr, die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu überschreiten und dabei zu vergessen, wo die Grenze liegt (prominente Beispiele sind Madame Bovary und Don Quixote). [Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich Kapitel 2.2 meiner Dissertation Der Räuber in der europäischen Literatur : Fiktionalisierung, Fiktivierung und Literarisierung einer populären Figur im 18. und 19. Jahrhundert.] Danach wurde dem Fernsehen Ähnliches vorgeworfen, danach den Videospielen und nun dem Internet. Die Angst bleibt die gleiche, die Argumentation oftmals auch. Das ist nichts Neues ["Neu" sind nur die Trolle und ihr Anspruch auf Deutungshoheit. Danke Philippe Wampfler (@phwampfler) für den Beitrag!] und auch die Lösungen sind wenig überraschend [Man lesen den Artikel Gedankenexperiment: Ein Intranet der Bürger]!

Niemand weiß, was die Zukunft bringt!


Aber manchmal lässt sie sich erahnen. Wenn die einen postulieren, den Computer aufzugeben, um das Menschsein zu bewahren (Is It Time to Give Up on Computers in Schools?), dann beweisen uns andere mit ihren Visionen, dass sich ein Blick die Zukunft auszahlt und man nicht immer so weit entfernt ist, wenn man den Blick nach vorne und nicht zurück richtet (What 1967 Thought 2001 Would Look Like).

Hört auf mit Entweder-oder!


Und bewegt euch zum Sowohl-als-auch. Lehrer/innen sind sowohl Wissensvermittler/innen als auch Lernbegleiter/innen. Digitale und analoge Medien haben beide ihre Daseinsberechtigung im und für den Lernprozess. Wir sollten sowohl aus der Vergangenheit lernen als auch einen Blick in die Zukunft wagen, um ein breites Spektrum an Visionen, Erfahrungen und Gedanken in der Gegenwart nutzen zu können. Und dabei müssen wir auch die Gegenwart immer im Auge halten und uns auf neue Gegebenheiten einstellen. Ständig! Lehrer/innen sind somit nicht nur Lernbegleiter/innen, sondern lernen begleitend und lebenslang.


[Übrigens: Nächste Woche geht's dann mit dem Moderator/innen-Team Monika Heusinger (@M_Heusinger) und Peter Jochum (@JochumPeter) um Zeitmodelle für den Unterricht und somit eine der Rahmenbedingungen, die für das eigenverantwortliche und selbstorganisierte Lernen von zentraler Bedeutung ist.]

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