Dienstag, 19. Mai 2015

Handyverbot, Schummeln, Misstrauen statt Kant

Heute schon mal ein Post VOR dem aber inhaltlich zum #EDchatDE. Heute Abend wird das Thema Handyverbot an Schulen Was (t)nun? diskutiert und gerade heute (Zufall?) kommen in den Social Media verstärkt Meldungen, die um dieses Thema kreisen. Gerade erst gestern im Proseminar zur romanistischen Fachdidaktik fragten mich meine Studierenden, wie sie mit dem Handy- und generell Internetverbot an Schulen umgehen sollten, wenn doch im Lehrplan der verstärkte Einsatz neuer digitaler Medien und Kommunikationstechnologien gefordert würde. Nun, die Antwort ist schwierig und ich hoffe, am Abend im #EDchatDE auch Lösungen oder Antworten zu finden, denn so einfach lässt sich das nicht beantworten.

Ich muss dabei an Fritz Bohnsacks Buch Schule – Verlust oder Stärkung der Person?, in dem er sich mit dem Vertrauen von Lehrerinnen und Lehrern zu ihren Schülerinnen und Schülern auseinandersetzt. Ist es dieses Vertrauen, das uns gänzlich verloren ging, weil wir nun so misstrauisch sind, dass neben dem Handyverbot auch das Uhrenverbot aktuell ist? Beat Döbeli Honegger (@beatdoebeli) postete heute eine spannende Präsentation zum Thema Spicken, also zum Schummeln, der mich gleich in meine eigene Schulzeit zurückversetzte. Vieles davon kannte ich, vieles davon merkte ich auch bei meinen Schülerinnen und Schülern. Und auch die Studierenden probieren es immer wieder. Aber bin ich deswegen misstrauisch? Ist die anthropologische Komponente des Schummelns, wie sie auch die Präsentation zum Thema Spicken zeigt, eine Legitimation für Vorverurteilungen („Alle Schüler/innen oder Studierenden schummeln.“)?

Vielleicht sollten wir ja aber wo anders ansetzen und die Prüfungen und Wissensüberprüfungen so gestalten, dass es überhaupt keinen Sinn macht, zu schummeln. Vielleicht sollten unsere Lernzielkontrollen und Schularbeiten (Klassenarbeiten) so konzipiert sein, dass man die Lösung nicht durch Googeln im Internet findet. Vielleicht sollten wir unsere Lerner/innen in die Selbstbestimmtheit entlassen und die Fremdbestimmung durch die Schule überdenken (hier wieder Bohnsack). Das Kant’sche Denken sollte uns begleiten:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (Quelle: Projekt Gutenberg)
Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung, eigenständiges Denken statt Googeln und unkritisch Übernehmen, Wissenskonstruktion statt Bulimie-Lernen. Das wären Ansätze, die wünschenswert sind. Wie aktuell sie sind, zeigen der Userkommentar von Margit Neuböck Was Bildungsstandards mit Demokratie zu tun haben im Standard und der Bob Blumes (@legereaude) Blogbeitrag Ein „Rant“ gegen digitales Schmarotzertum. Wir verlernen zu denken. Schade, oder?

Wie sehr wir eigentlich zu diesem Misstrauen und zur Fremdbestimmung erzogen werden, zeigen auch Beispiele aus dem Bereich der Open Educational Resources. So nennt Donald Clark in Is the ‘closed’ mindset of the Open Educational Resources community its own worst enemy? die Mentalität des “Eigenen” als Grund für den Widerstand gegen Open Educational Resources und Open Educational Practices. Und wenn man dann auch Beiträge wie Bildnutzung: Überprüfungs- und Kontrollpflichten werden strenger (danke @HedwigSeipel) oder Falsche Abschlüsse: Der große Schwindel mit Online-Unis liest, dann wird das Misstrauen nur noch geschürt, erhält neuen Nährboden.

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